Mein Ringen darum, meine innere Zufriedenheit zu bewahren, gibt mir eine Ahnung, wie Vergebung funktioniert. Denn was tue ich innerlich eigentlich, wenn ich vergebe? Ich kenne, dass ich irgendwann vergeben habe, aber ich konnte nie genau sagen, was innerlich passiert ist – nur, dass es plötzlich so war.
Die Ausgangslage ist wohl immer, dass eine – ob nun zu Recht oder zu Unrecht gefasste – Erwartung enttäuscht wird. Man hängt in der Enttäuschung fest und erwartet, dass die Welt anders wird.
Und meine alte Erwartung ans Leben ist sowas von nicht erfüllt. Ich kann so enttäuscht und auch verletzt sein, dass ich dieses Schicksal habe, und finde es immer wieder unfair. Ich bin empört und finde, ich hätte etwas Besseres, Tolleres und noch mehr vom Tollen verdient.
Inzwischen habe ich dem Leben vergeben, dass es nicht so ist, wie ich es erwartet habe. Und ich glaube, das liegt daran, dass ich diese Dinge innerlich vollziehe:
- Radikale Akzeptanz – es ist ganz einfach so, wie es jetzt ist, mit allen Veränderungen und damit verbundenen Gefühlen. Ich gebe mich ganz in die neuen Verhältnisse und fühle alles, ohne dabei die neuen Rahmenbedingungen zu vergessen, die meine neue Referenz sind.
- Orientierung – vieles geht nicht mehr, manches anders.
Ich kann selber herausfinden, wie es am besten geht, und mich daran – und nicht an alten Vorstellungen – orientieren. - Perspektivenwechsel – wie wäre es, wenn ich im Ausland leben würde, wie als Alleinerziehende mit fünf Kindern, wie mit severe ME/CFS? Durch solche Fragen wird mir mein eigenen Standort klarer und ich kann mehr in Frieden damit sein.
- Dankbarkeit – für das, was ich noch habe, was ich erleben kann und darf, was ich schaffe und worin ich neue Freude finden kann.
- Neutralität – ich bin durch die Gefühle und die alten Erzählungen durch. Ich muss nicht mehr auf eine bestimmte Art fühlen und mich am alten Narrativ abarbeiten.
- Vergebung – zackibumm, so gehts bei mir.
- Repeat – denn Vergebung muss man mitunter aktualisieren. Immer wenn die (verklärten) Erinnerungen an das Alte, Schöne zu laut werden, ist die nächste Runde, beginnend mit einem ehrlichen Realitätscheck, dran.
