Mit ME/CFS löst jede nur imaginierte Veränderung schon Schnappatmung aus, weil jeder etwas komplexere Vorgang die Kapazitätsgrenze übersteigt. Was aber, wenn das Leben einem eine Veränderung schon fast diktiert?
Diese Erkrankung ist ein wundersamer Zauberspiegel, in dem man auf den ersten Blick nur die zerrissene Fratze dessen sieht, was noch von einem übrig ist. Schaut man jedoch einen Moment länger hinein, erkennt man, wer man ist.
Was mir dieser längere Blick offenbart, ist, dass ich organisiert bin, gut planen und loslassen kann, nicht an vielen materiellen Dingen hänge, Hilfe annehmen kann und Prozessen einen Anfang, eine Dauer und ein Ende geben kann. Das sind alles Fähigkeiten, die mir mein Leben vor der Erkrankung geschenkt hat.
Nach über vier Jahren Krankheitserfahrung kann ich auch sagen, was ich durch die Krankheit dazugelernt habe: besser darin zu werden, zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist, und zu erkennen, wann der richtige Zeitpunkt für etwas gekommen ist.
Denn Pacen ist am Ende nichts anderes. Pacen bedeutet, abschätzen zu können, was an einem Tag möglich ist, zu erkennen, wann man aufhören muss – und es dann auch zu tun.
Pacen bedeutet, mit meinem Verhalten auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren, ihnen nicht aus dem Weg zu gehen und das, was zu tun ist, in meiner Geschwindigkeit zu tun – auch wenn diese mitunter sehr, sehr langsam sein kann.
Ich bin dankbar, dass ich Tage im Bett oder ohne große Taten akzeptieren kann. Und dafür, dass mir der Zauberspiegel zeigt, wie viele Fähigkeiten noch immer in mir sind. Fähigkeiten, die – zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise eingesetzt – mir helfen werden, diese unfassbare Herausforderung des Umzugs mit Geduld und der Hilfe anderer zu meistern.
