Erlebt man Entbehrungen, wird man schnell ansprüchig gegenüber dem Leben. Man denkt, man hätte einen gerechtfertigten Anspruch auf das, was man entbehrt. Es gehört eigentlich zu einem, und nun ist es einem völlig zu Unrecht genommen. Um es wieder zu erlangen muss man kämpfen, sich aufbäumen und klagen.
Lebt man mit Entbehrungen, wird man eher bescheiden – und auch dankbar –, wenn man es schafft, die Verhältnisse, wie sie nun sind, anzuerkennen, die neuen Gesetzmässigkeiten auszuloten und sich innerhalb dieser neu einzurichten. Es bleibt ja in der Regel noch einiges, was man nicht entbehren muss, und es kommt auch immer wieder etwas Neues dazu.
Aber wie kommt man vom Erleben von Entbehrungen zum Leben mit Entbehrungen?
Meine Antwort darauf ist, dass die grossen Lebensbögen einem dabei helfen – und vor allem auch das, was man als junger Mensch bereits gelernt hat.
Im besten Fall entwickelt sich schon in der Kindheit eine gesunde Frustrationstoleranz, und man hat als junger Erwachsener Eigenverantwortung sowie den richtigen Umgang mit Geld gelernt. Wenn dann – neben allen tollen Errungenschaften im Materiellen – fortwährend der innere Mensch genährt und gestärkt wird, ist sehr viel gewonnen.
Aus all dem bildet sich eine fragile Balance, die einem zeigt, dass man nicht alles bestimmen, hervorbringen und machen kann. Sie stellt einen ganz vorsichtig an den Platz, der einem die Perspektive eröffnet, dass man ein Mensch unter vielen ist – eingebettet in ein unsichtbares Netz von Kräften, die alles zusammenhalten. Man ist nicht allein – und vielleicht auch weit weniger entscheidend als man denkt. Es zeigt einem, dass alles, was einem zukommt, ein Geschenk ist – und nicht von Dauer.
Paradoxerweise gelingt es mir an Tagen, an denen es mir einigermassen gut geht, weniger gut mit Entbehrungen zu leben – sondern ich erlebe mehr, was ich entbehre!
