Blau

Manchmal denke ich, dass es mir wirklich besser geht als noch vor ein paar Jahren. Dann merke ich, dass sich mein Inneres wahrscheinlich einfach endlich an die langsamen Verhältnisse gewöhnt hat und sich in das hineinlehnt, was es tatsächlich begreifen und bewältigen kann. Und das ist nach wie vor nicht besonders viel.

Dann werde ich traurig und denke, dass ich doch unbedingt möchte, dass es mir besser geht und ich mein altes Leben zurückhaben möchte!

Und dann höre ich die wunderbar wahren Worte der Post-Covid-Ärztin, die mir relativ am Anfang meiner Erkrankung sagte: «Vergleichen Sie nicht! Und wenn, dann nie mit dem, was vor der Erkrankung war, sondern immer nur mit dem schlimmsten Moment der Erkrankung!»

Diese Aufforderung hat mich schon so oft vor dem Abgrund bewahrt, in den man zwangsläufig immer fällt, wenn man anfängt zu vergleichen. Denn es ist, wie es ist, und wenn man das ehrlich, wenn auch nur punktuell, akzeptiert, wird es in der Seele hell und farbig.

Und so gelingt es mir, mich an den unfassbaren Blautönen des Himmels zu erfreuen und dankbar zu sein, dass meine Seele mit etwas gefüllt ist, das Dauer und Bedeutung hat, und dass ich es so gut schaffe, mein Leben mit dem zu leben, was ist.

Ich lasse all die Gedanken los an das, was ich doch auch noch gerne tun würde und was ich sollte und müsste. Ich anerkenne, dass ich schon alles tue, was ich kann. Und mit dieser Anerkennung geht es mir tatsächlich viel besser als noch vor Jahren, auch wenn ich trotzdem immer noch nur mit 30–40 % meiner Leistungsfähigkeit aus der Zeit vor ME/CFS lebe.