Zum Leben gehören das Geborenwerden und das Sterben. Diese universelle Gesetzmässigkeit gilt immer – auch wenn man an ME/CFS erkrankt ist.
Durch die Erkrankung und die Tatsache, dass mir nur noch etwa 40 Prozent meiner früheren Lebenskräfte zur Verfügung stehen, bin ich gezwungen, viel stärker im Hier und Jetzt zu sein. Unnötig grosse Zusammenhänge kann ich mir nicht mehr leisten zu denken. Sie kosten zu viel Kraft und bringen mein Nervensystem nur noch mehr durcheinander. Ich muss mich auf das Wesentliche beschränken.
Das befreit mich unglaublich. Gleichzeitig wirkt die Krankheit wie ein Brennglas: Sie brennt frei, was wesentlich ist.
So habe ich meinen Umzug geschafft. So komme ich ans Meer. Und so sorge ich für die Menschen, die mir wichtig sind und die ich liebe.
Mitunter kann der daraus entstandene Pragmatismus grotesk wirken. Ich greife den zu erwartenden Abläufen vor: Ich bastle den Adventskalender im Sommer und kontaktiere den Bestatter vor dem Tod.
Doch nur so schaffe ich mir in den Momenten, in denen das Leben sich ereignet, die Chance, ganz da zu sein. Zeuge des Moments zu sein. Nicht meine verbleibende Kraft darauf verwenden zu müssen, Dinge zu planen, zu entscheiden und zu koordinieren.
Meine Erkrankung hilft mir, klarer zu sehen, was die grossen Gesetzmässigkeiten des Lebens sind – und was lediglich mein selbstbezogenes Vorstellungsgeschehen.
Je mehr ich diese grossen Gesetzmässigkeiten erkenne und mich ihnen gegenüber akzeptierend und dankbar ins Verhältnis setze, desto ruhiger und erfüllter wird mein Leben.
Auch wenn es von aussen vielleicht ganz anders aussieht.
