Diese Krankheit lehrt mich Verzicht und zu stoppen, auch wenn es maximal unangenehm ist. Ich muss aus gemachten Erfahrungen lernen und mich anpassen. Das ist eine so zentrale Qualität, die zur Verbesserung meines Zustandes führt, kann aber auch – wenn man nicht aufpasst – zur Stagnation führen. Man friert wie ein, weil man so viel nicht mehr kann und lassen muss.
Letztes Jahr bin ich fulminant gescheitert, als ich mir vorgenommen hatte, den Kompost wieder in den Garten zu bringen, anstatt ihn im Hausmüll zu versenken.
Für ein überlastetes System ist es aber erwiesenermassen zu viel:
1. Grünabfall in der Küche sammeln
2. ihn auf dem Balkon in die kleine Tonne tun
3. irgendwann (meist viel zu spät) den vollen stinkenden Eimer runterbringen
4. den Eimer ausleeren und mit viel zu kaltem Wasser im Garten auswaschen
5. den Eimer unten in der Sonne trocknen lassen
6. daran denken den Eimer wieder hochzuholen
Lange Monate habe ich kapituliert und meinen Kompost einfach wieder im Hausmüll entsorgt. Seit einiger Zeit habe ich nun ein neues System, das bisher erstaunlich gut funktioniert. Ich habe nur noch einen kleinen alten Jogurteimer, in dem ich meinen Grünabfall sammle. Er steht in der Küche und wird jeden zweiten Tag nach unten gebracht. Nichts stinkt, und nichts muss gross gewaschen werden. Der Eimer kommt in die Spülmaschine und ist am nächsten Morgen wieder einsatzbereit. Und wenn es mir schlecht geht, darf alles für eine Zeit wieder im Hausmüll landen.
Es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass es nicht heisst, dass ich Dinge, bei denen ich erkannt habe, dass sie nicht gut sind, nicht funktionieren oder mich sogar in einen Crash führen, einfach ersatzlos streichen muss, sondern dass ich auch wieder ausprobieren kann, wie es gehen könnte. Denn Stagnation wäre das Ende meines Lebens.
Ich muss mich bescheiden, aber ich muss nicht aufhören zu sein. Ich kann die richtigen Formen finden, auch wenn sie nur für den Übergang stimmen. Mit einer gewissen Spielfreude und im ehrlichen, nicht moralisierenden Gespräch mit meinen Ängsten und dem Willen, neue Formen zu probieren, habe ich immer wieder Momente, in denen ich erlebe: Ich bin da. Ganz. Wenn auch anders als zuvor.
