10

Wie man sich am besten selbst reguliert, wenn einem alles zu viel wird, ist fast ein Glücksspiel. Denn die Tore zur inneren Ruhe öffnen sich in der Regel nicht, wenn man sie mit der Kraft des Willens zwingen möchte. Auch Übungen sind bei mir vollkommen wirkungslos, da man zum Üben Kräfte braucht, die ich schlicht nicht habe. So muss ich auf das zurückgreifen, was als Lebensschatz bereits in mir schlummert.

Es ist ein so grosses Geheimnis, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es gelingt.

Letztens sass ich ziemlich überfordert am Bahnhof. Es war sehr laut und voll, und ich war davon ziemlich gestresst. Ich hatte meine Noise-Cancelling-Kopfhörer nicht dabei und kann dann die Augen nicht schliessen, weil ich sonst alles noch lauter höre. Also muss ich mir am besten einen Fokus für die Augen suchen, der Ruhe schenkt und vom Trubel ablenkt.

In diesem Fall war das eine schöne, alte und unscheinbare 10, die das Tor zur inneren Ruhe geöffnet hat. Aber warum gerade diese?

Weil sie absolut nichts mit der Hektik und dem Chaos zu tun hatte, in dem ich mich befand. Sie gehört nicht zur „Bewegungseinheit“ des Bahnhofs. Sie benennt kein Gleis und nichts, was sich bewegen könnte. Nur sehr wenige Menschen bemerken sie überhaupt oder haben mit ihr zu tun. Sie ist die Zahl, die wahrscheinlich den Träger bezeichnet, der statisch an dieser Stelle steht und zur „Struktureinheit“ des Bahnhofs gehört.

Sie ist Teil der Architektur, des Seienden, des Tragenden und des an sich nichts anderes Wollenden Teils des Bahnhofs. Sie ist Ausdruck der stillen Dauer. Sie gehört nicht zur aktiven Matrix des Bahnhofs. Und sie ist alt. Sie hat schon einiges gesehen und erlebt, ohne sich je bewegt zu haben. Sie ist die stoische Ruhe, die ich in diesem Moment so gebraucht habe.